Glaube und Geschichten

Unser  “Schamane vom Dienst”  hat mich zu dieser Geschichte inspiriert. Danke Gerhard Zirkel!

Es ist schon einige Jahre her, da sagte mir eine Teilnehmerin, die vielleicht 15 oder 20 Jahre älter war  als ich, nach dem Yogaunterricht, mit meinem Sprechen über “Licht” könne sie nichts anfangen. Dieses ganze Indische sei doch nichts für uns westliche Menschen. Da glaube sie nicht daran.  Okay…. Das brachte mich ins Grübeln. War Licht nicht etwas vollkommen Universelles?  Was meinen Menschen denn damit, wenn sie sagen, ich glaube nicht an… was auch immer?  Vielleicht kennen einige von Euch die Geschichte von den Zwillingen, die sich im Bauch ihrer Mutter darüber unterhalten, ob es denn ein Leben nach der Geburt, ob es denn so etwas wie eine Mutter gäbe.  Der eine von den beiden ist überzeugt davon, dass die Mutter da ist und ihn umgibt und nährt, der andere hält dies für eine irrationale Schnapsidee. Denn was wir nicht sehen können, gibt es auch nicht.

Glücklicherweise leben wir ja in einer Zeit und einer Region, wo jeder glauben oder nicht glauben kann, was er mag.   Also hört man: ich glaube nicht an Gott, ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, ich glaube nicht an Wiedergeburt, ich glaube nicht an eine geistige Welt usw.   Solche Menschen nennen sich stolz Atheisten und halten sich für schlauer, weil realistischer, als die, die an etwas glauben.   Na, ich denke, diese Menschen glauben auch an etwas. Zum Beispiel an den Kapitalismus, daran, dass man nur ordentlich arbeiten und etwas leisten muss, um Erfolg und Wohlstand zu bekommen.  Oder zum  Beispiel an den Rationalismus. Unsere Vernunft ist eine schöne Sache, die aber auch nur wenige Fragen wirklich beantwortet. Ein sehr grossartiges  Spiel, das alleinig zu verfolgen aber auch nicht glücklich macht.   Warum? Weil wir emotionale Wesen sind. Wir können gar nicht sein, ohne an etwas zu glauben, wir können gar nicht leben, ohne den Versuch, unserer Existenz Sinn zu verleihen.  Beim Nachdenken über dieses Thema fiel mir plötzlich ein Song aus den Sixties, der mich seit gestern ohrwurmmässig begleitet: Then I saw her face/ now I’m a believer/ no more trace/ of doubt in my mind..”  Da musste ich grinsen. Was uns am stärksten dazu bringt, zu glauben, sind menschliche Beziehungen und das Vertrauen, das wir in Menschen setzen. Das Vertrauen, das wir überhaupt entwickeln können. Das ist es, was uns trägt, und was uns glauben lässt. Menschen – und Geschichten. Wir glauben, wir lieben und wir hoffen eigentlich unser Leben lang. Das hält uns hier.  Es sind Geschichten über uns und unser Leben, die das ausdrücken, was sich auf andere Weise nicht ausdrücken, nicht bewahren lässt.  “All sorrows can be borne if you put them into a story”, schrieb Tanja Blixen.   Vielleicht haben sie ja recht, die an nix glauben. Vielleicht gibt’s keinen Gott, keinen Sinn, kein Licht und keine geistige Welt. Vielleicht gibt es uns auch nicht. Aber wenn es uns gibt und diese Schöpfung, dann kann sie ja nur aus Liebe entstanden sein, oder?  Und das Geschichten erzählen wird nicht aufhören, so lange es uns gibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to top